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Der kranke Hype um “Vollformat”

Du musst unbedingt eine Vollformat-Kamera haben, sonst bist du kein richtiger Fotograf! Ohne Vollformat kannst du nix. Wer erzählt dir eigentlich so einen Horseshit?

Wenn wir aus dem Aufschwung der Smartphones in der Fotografie etwas gelernt haben, dann ist es, dass es nicht auf die Größe des Sensors ankommt, sondern auf das “Gehirn” dahinter.

Auf der Apple-Veranstaltung am 13. Oktober 2020 wurde das iPhone 12 mit Apple ProRaw vorgestellt, das es mit jeder Enthusiastenkamera für “normale” Fotografie aufnehmen kann. Es bietet enorme Möglichkeiten mit einem Bildsensor, der im Vergleich zu vielen Modellen mit Wechselobjektiven winzig klein ist.

Was Apple, Google, Samsung und andere Smartphone-Hersteller nutzen, ist Intelligenz, nicht Muskelkraft. Die computergestützte Fotografie[1] hängt weniger vom Sensor selbst, als vielmehr von der Programmierung und den Prozessoren ab, aus denen die Bildpipeline besteht.

[1] Computational Photography oder computergestützte Fotografie ist eine Technik mit der die optischen Funktionen von Digitalkameras und Smartphones durch digitale Verarbeitungsfunktionen so verändert werden, dass dadurch bessere Fotos entstehen.

Das ist wieder einmal die Rache der Nerds.

Kümmerst du dich im Alltag um die physischen Fähigkeiten des Piloten, der das Flugzeug fliegt, oder des Chirurgen, der dein Knie operiert? Sollten wir einen Kandidaten für das Amt des Bundeskanzlers nach der Größe seines Bizeps beurteilen? Wie konnte die Fotoindustrie im Jahr 2020 so besessen von den Dimensionen des Bildsensors in der Kamera werden?

In meiner jahrzehntelangen Erfahrung als Fotograf und Unternehmer habe ich Bilder mit unzähligen verschiedenen Kameras gemacht, von einer Nikon F1 bis hin zu Hasselblad und Phase One. Und ich habe in jeder einzelnen von ihnen etwas gefunden, das ich zu schätzen weiß.

Die Bilder, die bei uns an den Studiowänden hängen, reichen von Bildern, die ich mit einer Nikon D850 aufgenommen habe, bis hin zu einer bescheidenen PowerShot-Kompaktkamera. Und während ich jetzt hier sitze und diese Bilder ansehe, sehe ich ehrlich gesagt keinen wesentlichen Unterschied in Qualität, Farbe oder Schärfe.

Ganz ehrlich, ich bin von der gesamten Kamerabranche enttäuscht. Sie haut teure Vollformatkameras und exotische Objektive am laufenden Band raus, obwohl sie in die entgegengesetzte Richtung innovativ sein sollte.

Das Ziel sollten intelligentere Kameras sein, die uns das Gehirn von Smartphones mit der Flexibilität von Wechselobjektiven und Zubehör bieten. Statt eines Ausflugs ins Labor öffnen uns die Hersteller immer wieder die Türen zum Fitnessstudio.

Und warum? Weil wir genau das immer wieder kaufen.

Die intelligenteste Kamera, mit der ich bisher fotografiert habe, ist die Olympus OM-D E-M1 Mark III. Sie nutzt die Technik, um Langzeitbelichtungen aus der Hand und Aufnahmen bei sternenklarer Nacht zu ermöglichen. Aufgrund der rückläufigen Verkaufszahlen hat Olympus jedoch kürzlich seine Kamerasparte an ein anderes Unternehmen, JIP, verkauft. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Das Problem? Nun, es gab wahrscheinlich viele, aber ich weiß, dass eines davon der kleinere Micro Four Thirds-Sensor war. Er ist nicht vollformatig, also kann er nicht so gut sein. Horseshit!

Wir neigen dazu, unsere Probleme auf die Verantwortlichen zu schieben. Wir beschweren uns über Unternehmen und politische Führer. Aber sie sind ein Spiegelbild der Bevölkerung als Ganzes. Kauf ruhig weiter diese Produkte und wähle weiter diese Parteien, und du bekommst, was du verdienst.

Du dachtest, dieser Artikel über Vollformat würde sich gegen die Kamerahersteller richten. Tut er aber nicht. Wir sehen diesen Mangel an Innovation bei Consumer- und Profikameras, weil wir als Kunden gar nichts anderes wollen.

Die Schnappschuss-Fans haben sich Gehör verschafft. Smartphones beherrschen jetzt den Verbrauchermarkt. Auch seriöse Fotografen hatten ihre Chance, aber sie haben Olympus und deren innovative Bemühungen nicht unterstützt. Anstatt also einen Trend zu intelligenteren Kameras mit Wechselobjektiven zu einem erschwinglichen Preis einzuleiten, bekommen wir mehr vom Gleichen: eine große Portion Vollformat mit einer teuren Rechnung.

Das können wir noch besser machen.

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