Soll ich als Fotograf kostenlos arbeiten?

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Soll ich als Fotograf kostenlos arbeiten?

Diese Frage taucht immer wieder und überall auf.

Meine Antwort: Kommt drauf an.

Zu etablierten Fotografen, mit einem bereits funktionierenden Geschäfts, sage ich nur: „Nein“.

Meistens heißt es bei Anfragen nach kostenloser Dienstleistung: „Das ist ja auch tolle Werbung für dich!“

Nein, ist es nicht.

Ein „Kunde“, der kein Budget hat, dich als Fotograf für deine Arbeit zu bezahlen, kann dir keine sinnvolle Werbung anbieten, die dich wirklich weiter bringt. Die VOGUE oder die GALA werden niemals von dir erwarten, Portraits von Cara Delevingne für ihr Cover zu shooten, ohne dir dafür auch Geld anzubieten. Klar, das wären Veröffentlichungen, die dich wirklich weiter bringen, aber das wird nicht passieren. Auch nicht für Nüsse. Echte Kunden bezahlen dich für deine Arbeit.

Editorial

Das nächste, was sie dir erzählen ist: „Wenn wir demnächst bekannt sind und richtig Geld verdienen, werden wir dich für einen großen Auftrag buchen.“

Nein, werden sie nicht.

Wenn sie tatsächlich einmal Geld verdienen und ein richtiges Budget zur Verfügung haben sollten, werden sie einen richtig teuren Fotografen buchen. Einen, der einfach bekannter ist als du. Sie gehen nicht mal mehr ans Telefon, wenn du sie anrufst.

Mit anderen Worten: Kostenlos arbeiten ist etwas für Deppen. In einer Welt voller Blender, spricht sich so etwas schnell rund. Du wirst bekannt werden. Bekannt als „leichte Beute“. Jemand, den man ausnutzen kann.

Moment… Hatte ich nicht zu Anfang geschrieben „kommt drauf an“? Wann also sollte ein Fotograf tatsächlich kostenlos arbeiten?

Meine Antwort ist: Ja, arbeite kostenlos, wenn du AN deinem Business arbeitest. Tue es nicht, wenn du IN deinem Business arbeitest.

Wenn ein Shooting also etwas ist, das du in deinem Tagesgeschäft auch anbietest und machst, dann ist das „IN deinem Business“ arbeiten. Das solltest du niemals kostenlos machen. Wenn du „AN deinem Business“ arbeiten möchtest, kann dir das auch einen Nutzen bringen, wenn du kein Geld dafür bekommst. Hier sind ein paar Beispiele, wie du AN deinem Business arbeiten kannst:

1. Ich will ein erfolgreiches Geschäft aufbauen

Egal, welche Richtung du einschlagen und welchen Bereich du mit deiner Fotografie bedienen möchtest (Fashion, Editorial, Portrait, Hochzeiten, was auch immer), als erstes musst du dir ein Portfolio aufbauen. TfP-Shootings, kostenlose Jobs sind ein guter Weg, eine gute Grundlage für ein Portfolio aufzubauen.

Meine erste Hochzeit, die ich fotografiert habe, war die Hochzeit meiner Nichte, die heute eine bekannte Schauspielerin ist und ihres Mannes, ebenfalls ein bekannter Schauspieler.

Wie das für mich funktioniert hat? Die beiden wussten vorher, dass ich noch nie eine Hochzeit fotografiert hatte. Sie hatten keine großen Erwartungen, weil ich ihnen vorher gesagt hatte, dass sie nicht zuviel erwarten sollten. Ich war ehrlich zu ihnen. Die beiden haben trotzdem ihr Vertrauen in mich gesetzt. Alles, was sie an Bildern bekommen haben, war ein Geschenk, ein Bonus. Zumindest musste ich mir keine Gedanken machen, dass ich mir einen zahlenden Kunden vergraulen könnte. 😉 Und nein, ich habe damals der Gilde der professionellen Hochzeitsfotografen nicht geschadet. Die beiden hätten erst gar keinen professionellen Fotografen gebucht. Also galt: Ich, oder keiner.

Kurz gesagt: Hier kostenlos arbeiten hat erst gar keinen Stress bei mir aufkommen lassen, perfekte Qualität abliefern zu müssen. Ich konnte mich voll und ganz auf meine Arbeit konzentrieren und das Beste daraus machen. Und was soll ich sagen? Die Beiden lieben meine Fotos heute noch. Das Fotobuch steht auf dem Kaminsims, die Fotos hängen säuberlich gerahmt an den Wänden und Wohnzimmer und im Esszimmer. Mein Bonus war, der Freundes- und Bekanntenkreis der Beiden: Junge, aufstrebende Schauspielerkollegen, Medienleute, Fernseh- und Radioleute. Menschen, die allesamt die Fotos von der Hochzeit meiner Nichte und ihre frisch Angetrauten zu sehen bekamen. Bessere Empfehlungen kann man am Anfang einer Karriere nicht bekommen.

2. Ich möchte einen neuen Geschäftszweig aufbauen

Nehmen wir an, du bist ein Portrait-Fotograf mit vorwiegend privaten Kunden. Jetzt möchtest du gerne zusätzlich Business-Portraits anbieten. Du brauchst also wieder ein passendes Portfolio zum Einstieg. Du kontaktierst also Geschäftsleute aus deinem Umfeld und bietest ihnen ein kostenloses Shooting an, wenn du die Fotos, die dabei entstehen, für dein Porttfolio verwenden darfst. Das macht Sinn.

3. Networking

Eine großartige Möglichkeit, mehr Empfehlungen und Mund-zu-Mund-Propaganda zu bekommen, ist das Knüpfen von Kontakten zu Kollegen. Eine gute Strategie ist, sich gegenseitig in Blogbeiträgen zu erwähnen und zu verlinken. So kann zum Beispiel der Hochzeitsfotograf vom Editorial-Fotografen profitieren und umgekehrt.

4. Portfolio-Shooting

Nehmen wir an, du bist ein Hochzeitsfotograf und du möchtest ein paar „Wow“-Fotos für dein Portfolio schießen, um deine zukünftigen Brautpaare so richtig zu begeistern. Such dir einfach ein tolles Model auf TfP-Basis, buche eine Visagistin/Makup-Artist, Hairstylistin für das Shooting, und schaffe etwas Außergewöhnliches. Natürlich bekommst du kein Geld dafür, dafür aber tolle neue Fotos für dein Portfolio.

Das waren ein paar Tipps und Ansichten von mir. Ein paar Anregungen und Ideen, wann du ruhigen Gewissens und mit Mehrwert kostenlos arbeiten kannst. Wenn etwas davon zu deinem normalen (bezahlten) Tagesgeschäft gehört, dann lass es. Wenn es dich mit deinem Business weiter bringt: Tu es!

 

Wenn du Fragen zum Thema „Fotografie und Business“ hast, mir deine Meinung mitteilen möchtest, oder ich dir irgendwie helfen kann, lass es mich wissen.